Bauphysikalische Beurteilung und Fachregeln
Feuchtetransport im historischen Mauerwerk, Wirkung absperrender Schichten und der technische Stand zum Zeitpunkt der Sanierung 2007.
03Bauphysikalische Beurteilung
3.1 Historisches Mauerwerk ohne zeitgemäße Horizontalsperre
Historisches Bruchsteinmauerwerk ohne moderne Horizontalabdichtung nimmt Feuchte über erdberührte Bauteile und Kapillarwege auf. Die Feuchtebewegung und Austrocknung erfolgen über das Zusammenspiel von Mauersteinen, Fugenmörtel, Putz und Anstrich. Bei solchen Konstruktionen ist die Verträglichkeit aller Oberflächenschichten mit dem natürlichen Feuchte- und Salztransport ein wesentliches Kriterium der Instandsetzung. Hinzu kommen Beanspruchungen durch Schlag- und Spritzwasser sowie Frost-Tau-Wechsel.
3.2 Absperrende Schichten
Die bei der Begehung festgestellten, feuchtigkeitsabsperrenden Innen- und Außenbeschichtungen behindern die Feuchteabgabe aus dem historischen Mauerwerk. Bei anhaltender kapillarer Feuchtezufuhr kann sich die Feuchtigkeit in wandnahen Zonen anreichern. Die damit verbundenen Salztransport-, Kristallisations- und Frostprozesse führen zu Entfestigung, Flecken, Blasenbildung sowie Putz- und Anstrichablösungen. Dieser Mechanismus entspricht den bei der Begehung festgestellten Schäden.
3.3 Vergleich zum Stadel / zur Friedhofsmauer
Die freigelegten Bruchsteinsockel am Stadel und an der ehemaligen Friedhofsmauer zeigen eine andere Instandsetzung des historischen Mauerwerks: Stein- und Fugenoberflächen bleiben sichtbar und können Feuchtigkeit über die Oberfläche abgeben. Der Gutshof weist dagegen geschlossene Beschichtungen an stark beanspruchten Sockel- und Fassadenflächen auf. Dieser Unterschied ermöglicht einen unmittelbaren Vergleich von Materialwahl, Wasserhaushalt und Schadensentwicklung innerhalb desselben historischen Ensembles.
3.4 Ergebnis der Begehung und fachlicher Beweis
Ing. Helmut Abram und Mag. Werner Buchberger ordneten bei der Ortsbegehung die feuchtigkeitsabsperrenden Beschichtungen als Ursache der Feuchte- und Putzschäden ein. Für die weitere Bauwerksdokumentation sind die betroffenen Flächen, Schichtaufbauten, Feuchte- und Salzbelastungen sowie die Chronologie der seit 2007 aufgetretenen Schäden objektspezifisch zu erfassen.
04Fachregeln und zeitlicher Stand 2007
| Regelwerk / Quelle | Einordnung und Relevanz |
|---|---|
| WTA 4-5-99/D „Beurteilung von Mauerwerk – Mauerwerksdiagnostik“ | Ausgabe 1999: systematische Mauerwerksdiagnostik, Ermittlung von Feuchte- und Salzbelastungen. [F1] |
| WTA 2-10-06/D „Opferputze“ | Ausgabe 2006; historischer / denkmalpflegerischer Umgang mit salzbelasteten Putzzonen. [F2] |
| WTA 2-9-04/D „Sanierputzsysteme“ | Ausgabe 2004; Anforderungen an Sanierputzsysteme vor 2007 bekannt. [F2] |
| BDA Standards der Baudenkmalpflege | BDA-Publikation 2014: ergänzender Fachstandard für die heutige Erhaltungsbeurteilung. [F3] |
| ÖNORM / ÖNORM EN | Die auf die Bauarbeiten 2007 bezogenen Ausgaben und technischen Vertragsbestimmungen sind den Ausschreibungs- und Vertragsunterlagen zu entnehmen. |
Bereits vor 2007 lagen einschlägige WTA-Fachregeln zur Untersuchung feuchte- und salzbelasteten Mauerwerks sowie zu Opfer- und Sanierputzen vor. Sie dokumentieren, dass die Feuchtebilanz des Mauerwerks, die Salzbelastung und die Auswahl verträglicher Oberflächensysteme zum etablierten Fachwissen gehörten. Die konkrete Leistungsbeschreibung, die herangezogenen ÖNORM-Ausgaben und die vereinbarten Materialeigenschaften sind über die Bau- und Vergabeakten zu bestimmen.